Die Orgel in der Kirche St. Kilian zu Bedheim

Aus den "Beyträgen zu Erläuterung der hochfürtsl. Sachsen Hildburghäusischen Kirchen- Schul- und Landes-Historie" von Johann Werner Krauß:

 

"Diese Kirche hat in dem gantzen Fürstenthum das zuvor, daß in derselben zwo gangbare Orgeln anzutreffen sind, die von einem Organisten gespielet werden. Die eine Orgel stehet auf dem Sing=Chor, bestehet aus 11 Registern und 3 Zügen, und ist 1711 von Caspar Schippeln dem damals Sachsen=Hildburghäuser privilegirten Orgelmacher aufgesetzt worden. Die andere Orgel hängt an den Schwibbogen der Kirche, welche der Hochwohlgebohrene Herr Johann Philipp von Heßberg auf Bedheim, damaliger Kirchen=Patron von anno 1710 an zu Bedheim, in die Kirche gestifftet, und dem Sachsen-Römhildischen Hof= und Stadt=Organisten und Orgelmacher 1720 für 104 Rthlr. ohne Bretter, Eisen, Zimmermanns= und Bildhauer=Arbeit veraccordiret. Darauf ist sie 1721 mit 3 Thürmen und 2 Feldern aufgesetzet worden. Sie bestehet aus 7 Registern, die Abstrakten gehen über den Kirchboden, und das Manual steht unter dem Manual der Orgel auf dem Sing=Chor, an welchem auch die Züge von den Registern stehen."

Johann Werner Krauß 1752

 

 


Die weltberühmte und einzigartige Doppel-Barockorgel in der St.-Kilian-Kirche zu Bedheim besteht aus zwei Instrumenten, die von einem Organisten gespielt werden. Das Hauptwerk wurde 1711 von Georg Caspar Schippel, das zweite Werk - die sogenannte Schwalbennestorgel - 1722 von Nikolaus Seeber erbaut.

Die Kilianskirche diente auch der Schlossherrschaft als Gotteshaus, womit ihre Orgel eigentlich als eine Schlosskirchenorgel zu betrachten ist.

 

Als Mitte der 1990er Jahre die beiden Orgeln von der Orgelbaufirma Schuke aus Potsdam restauriert werden sollte, standen die Orgelbauer vor einer fast unlösbaren Aufgabe. Da der Schmiedefelder Orgelbauer Michael Schmidt (1798- 1876) im Jahre 1856 eine neue Orgel hinter das Gehäuse der Schippelorgel gebaut hatte, war von dem historischen Instrument scheinbar nichts mehr da. Glücklicherweise hatte Schmidt eine größere Anzahl intakter Pfeifen aus der Schippelorgel in sein Pfeifenwerk übernommen. So konnten die Potsdamer Orgelbauer in mühsamer Forschungsarbeit die Disposition von 1711 rekonstruieren.

 

Die Schippel-Orgel

 

Hauptwerk

 

Manual C, D-c''' - II. Manual

1) Principal 4'

2) Grobgedackt 8’

3) Viola di Gamb 8’

4) Quintatöna 8’

5) Kleingedackt 4’

6) Octav 2’

7) Sesquialtera 2fach

8) Mixtur 3fach

 

 

Pedal C, D-c'

 

16) Principalbass 8’

17) Violon 16’

18) Subbass 16’

* Die barocke Fratzen-Bemalung an einem Teil der Prospektpfeifen stammt von Johann Adam Kleinschmidt, einem namhaften Schüler der Wagnerschen Werkstatt. Die Arbeiten aus dem Jahr 1773 an der Bedheimer Orgelanlage sind seine einzigen überlieferten.


Die Schwalbennestorgel

Manual C, D-c''' - I. Manual

 

9) Principal 2’

10) Gedackt 8’

11) Großprincipal 4’

12) Hohlflöthen 4’

13) Quinta 1 ½’

14) Cymbel 2fach

15) Hautbois 8’

 

Die sechs Engelfiguren am Prospekt weisen symbolisch auf die 1713 bis 1720 verstorbenen sechs Kinder des Kirchenpatrons Hans Philipp von Heßberg.

 

Die Einweihung der Schwalbennestorgel war am 16. Sonntag nach Trinitatis im September 1721.


Nebenzüge

 

Manualkoppel - Schiebekoppel ohne Registerzug

Zymbelstern

Tremulant

Pedaltrennung

Transponierkoppel - die Orgel steht original 2 Halbtöne über Normalstimmung; durch die Transposition wird ein Continuospiel im Zusammenhang mit Instrumenten und Sängern in heutiger Tonhöhe möglich

Die Orgeln erfuhren im Laufe der Zeit zahlreiche Reparatur- und Überarbeitungsmaßnahmen. Bereits 1733 kam es zu einer großen Reparatur beider Werke. 1816 erfolgte eine Reinigung durch Orgelbauer Henne. Es folgte eine wohl unzureichende und unkundige Reparatur durch Jaquillot (dazu eine Stellungnahme von Orgelbauer Heybach von 1828). 1856-1858 kam es zu einschneidenden Umbauten durch Michael Schmidt (Schmiedefeld). Mitte der 1950er Jahre wurden durch Gerhard Kirchner (Weimar) - nach einem Plan von 1938 - Änderungen vorgenommen mit der Intension, den romantischen Umbau in eine neobarocke Form zu bringen, dazu kam eine Erweiterung auf 22 Register sowie optische Veränderungen im Hauptprospekt.



Historische Ansichten, Fotos: Hartmut Haupt

Bericht zur Untersuchung vom 26. September 1965: 

Dr. Ulrich Dähnert war profunder Kenner der Orgellandschaft der DDR.


Impressionen vor und während der Restaurierung:




Restaurierungs- und Rekonstruktionskonzept von Schuke-Orgelbau Potsdam aus dem Jahr 1989:

In den Jahren 1994-96 schließlich unterzog die Firma Schuke (Potsdam) die Orgel einer gründlichen Restaurierung, so dass sie heute in altem - und originalgetreuem - Glanz erstrahlen und erklingen kann.


Das Rätsel der Schwalbennestorgel - von Pfarrer Eberhard Altenfelder, 2006


Zur Orgelgeschichte des Jahres 1816:



Zur Orgelgeschichte des Jahres 1828:

Bericht an das Untergericht


Laurenz Heybach wendet sich an das Untergericht


Die Antwort des Untergerichts



Kostenanschlag für die neue Orgel von Michael Schmidt/Schmiedefeld aus dem Jahr 1856:


Bericht des Kirchenvorstandes aus dem Jahr 1859 zum notwendig gewordenen Umbau der Kirche in Folge der Orgelaufstellung: