Jakob Querengässer

III. Jakob im Netz.

 

Die schöne Wirtin war nun bereits seit drei Jahren verwitwet. Es war ihr anfangs nicht leicht gefallen, nach dem Tod ihres Mannes das etwas komplizierte Geschäft zu leiten.

An dem Brauer Hermann hatte sie jedoch für ihr Biergeschäft einen zuverlässigen Mann in jeder Beziehung. Er verstand es, ein Bier herzustellen, das allgemein beliebt war. Ihm hatte schon jahrelang das Haus einen guten Besuch zu verdanken. Und dabei zierte ihn eine altmodische Bescheidenheit und Genügsamkeit und eine rührende Treue und Anhänglichkeit. Er war zwar verheiratet in einem drei Stunden entfernten Dörflein, wo er ein kleines Brauhaus für einfaches Bier mit seiner Frau und Schwiegermutter besaß, kam aber erst nach Haus, wenn er dort einmal zu brauen hatte. Frau und Schwiegermutter besorgten sonst daheim alles aufs beste. Als Hauptsache galt ihm das Geschäft der schönen Witwe, in dem er schon vor seiner Verheiratung neben dem Besitzer und vor diesem bei dessen Mutter floriert hatte als ein ausgezeichneter Künstler in Hopfen und Malz.

Dieses Brauerverhältnis machte es möglich, dass die schöne Witwe sich doch nach und nach dareinfand, den Verlust ihres Mannes zu ertragen. Bei ihrer guten geistigen Begabung brachte sie es endlich zu einer vortrefflichen Disponentin. Nach dem Tod ihres Mannes war ihre Schwester Lisette als angenehme Stütze ihr zur Seite getreten, und ein Jahr darnach hatte sie eine Verwandte als Hausmädchen bekommen, die den beiden Schwestern in vieler Beziehung, auch dem Wuchs nach, sehr ähnelte — die kleine Anna — so genannt, weil die Frau Wirtin auch Anna hieß. Dieses weibliche Kleeblatt hatte sich so gut zusammengelebt, dass ihr

Zusammenhalt nicht nur der Bierwirtschaft zu statten kam, sondern auch der Viehzucht und Küche. Schinken, Knackwürste, Gänse- und Entenbraten aus dieser Küche galten Kennern als Delikatessen.

Es war anfangs Juli. Das ist der stille Monat im Jahr — für Kirche, Landwirtschaft, Gesellschaftsleben. Mit Johanni beginnt die „festlose“ Zeit; — der Landmann hat die Heuernte hinter sich und steht in einer hoffnungsreichen Beschaulichkeit dem körnenden Getreidefeld und blühenden Kartoffelacker gegenüber; die bäuerlichen Feste auf dem Tanzboden und unter der Linde sind nach dem Frühlingsabschied ins Stocken gekommen, und im Johannistanz hat sich gleichsam das lustige Amen zur Sommersonnenwende dargestellt. Die Sängerschar in Flur und Wald ist verstummt. Die schwunghafte Begeisterung des Individuums, die in der Zeugung und Generationssicherung kulminiert, hat sich ausgeglichen in einem Breitlauf zum allumfassenden Zusammengehörigkeitsgefühl, das vorerst zwar noch durch Familienbande sich regelt, später aber als massenzusammenhaltende Reisegewalt die lieben, bewunderungswürdigen Naturkünstler uns von hinnen treibt. — Das Haupt des Juli hat auch zwei Gesichter: ein elegisch in den entschwundenen Frühling zurückblickendes und ein in Hoffnung und Sehnsucht hinausschauendes.

Die Menschenherzen aber bangen in einem Netz aus geistigen Fäden. Die meisten bleiben unberührt von der Natur, ob sie im Mai-, Juli- oder Dezembercharakter steht. Höchstens, soweit sie hineinspielt in die Geschäftskonjunkturen, gucken sie nach ihr. Dem besonderen poetischen Hauch, den ein jeder Monat atmet, bleibt der materialistische Haufen verschlossen.

Auf unseren Modelleur passt das nicht recht, obgleich er seit seines ästhetischen Ungemachs sich nicht mehr in den grünen Busch am Bach setzt zur Belauschung der singenden Naturkinder, — auch nicht ganz auf den Herrn Jakob Querengässer, der noch ein wenig Sinn für Blumen hat und zu ihnen in seinen Heiratsnöten seine Zuflucht nimmt.

Im Juli war's, als es zum sonntägigen Nachmittagsgottesdienst ausgeläutet hatte. Die kleine Anna kam aus ihrer Kammer und wollte eben an der Tür der Wirtin vorbei. Sie schwebte nur; so leis und elastisch war ihr Schritt. Drinnen die große Anna hörte nichts. Aber die kleine Anna hörte einen recht vernehmlichen Seufzer wie aus einem beschwerten Herzen heraus.

Was muss der nur fehlen? — Er ist ja wohl gestorben. Aber das ist doch schon über drei Jahre her. — Ich hab die Nacht freilich auch geseufzt, und ich hab noch gar keinen gehabt. — Man kann auch wegen eines Lebendigen seufzen. — Wenn so einer einem was Schönes ins Ohr sagt und spricht vom Glücklichmachen: du lieber Gott! Da wird's einem auch schwül. — Muss nur einmal nach ihr sehn!“

Die kleine Anna machte die Tür zur Stube der Frau Wirtin auf, — leise, nur ein Spältchen. Da saß die Unglückliche am Tisch, mit der Hand den Kopf stützend, als wär er recht schwer.

Der Wirtin gegenüber hing ein großer Spiegel.

Dahinein musste doch der Blick der Traurigen gefallen sein, — zufällig, oder in der Absicht, zu sehen, ob sie denn wirklich schön sei. Das hat ja sogar heut morgen der Kob getan, ehe er in die Kirche gegangen ist. Warum sollte es nicht auch einmal eine junge Witwe tun? — Sie hatte das Mädchen erblickt.

Komm einmal herein, Anna! Ist die Lisette in die Kirche?“

Die kleine Anna trat ein und zog die Tür leise hinter sich zu.

Ja, die Lisette ist zur Kirche. Scheint mir, als wär sie jetzt ein wenig frömmer wie früher. — Der neue Pfarrer soll aber auch gar sehr schön predigen.“

Kirchengehn schändet nicht. Es wär ganz gut gewesen, wenn du auch hinein gegangen wärest.“

Wollte auch; aber ich hatt' mich ein wenig verspätet mit meinem Anzug.“

Mir scheint es, Anna, du wärest ein wenig eitler geworden und brauchtest etwas mehr Zeit zu deinem Anziehen als sonst. Es geht eben alles natürlich zu.“

Ach, Tante, was glaubst du? Wüsst nicht, wem zu Gefallen ich mich putzen sollt. Aber kein Wunder wär's nich, wenn ich alleweil einmal in den Spiegel gucken tät.“

Gelte, Anna, ich hab's erraten! Gesteh's nur, mit wem du's hast!“

Ach Gott, eigentlich mit kein'm. Wenn einer aber den Arm um ein’n herumlegt und sagt ein'm was Hübsches ins Ohr, das ist halt doch so, wie's ist.“

Nein, die Heimlichkeit! Anna, das hätt ich nicht von dir gedacht. — Wer ist denn so in dich verliebt? — Du kannst mir's immer sagen.“

Na, Tante! — Dich muss auch was drücken. Hab vorhin einen Seufzer von dir gehört. Das sind doch auch nicht alte Geschichten. Aber ich will still sein und aufrichtig. Der Herr Querengässer — der Kob — hat zu mir gesagt, ich wär ihm recht, — seiner Mutter auch, — ich könnt ihn glücklich machen.“

Der Kob? — — der Kob? — Und gestern hat er noch auf die Lisette gelacht! Und so oft, wie's passt, tut er's. — Da lern ich den Kob von einer neuen Seite kennen.“ —

Wahrlich, so hat er zu mir gesagt. An jenem lustigen Abend war's, wo die Herrn da gsungen habn. Im Hof war's; und es war schon finster.“

Aha! Der Kob ist halt blöd, sonst hätt er längst eine Frau. Seine Mutter hätt's gar zu gern, wenn er freite. Sie hat mir's schon manchmal gstanden. Aber der Kob hat nur Courage, wenn's finster ist. Und wenn du grad nicht da bist, lädt er halt den Überschuss seiner heimlichen Tollheit auf die Lisette ab. — — Höre, Anna! Der Kob wird dich schon heiraten. Das ist eine ausgezeichnete Partie für dich. Er ist auch nicht garstig und ein strammer Kerl! — Aber sei gscheit und kein Schutzbartel! Der Kob will fein und vorsichtig behandelt sein. Vor der Hand darf kein Mensch was davon erfahren. Hörst du, Anna? Recht verschwiegen bleiben! Es wird was! Die Sache darf nicht verkümmelt werden. Ich will mit der Lisette sprechen. Auch der darfst du nichts verraten. — Lass mich's machen! Wirst sehn, der Kob heiratet dich.

Dann bist du die Reichste im Dorf und ringsherum. — Aber nichts vor den Leuten merken lassen. Verschwiegen, Anna! Verschwiegen! — Und nun seh einmal nach, ob die Magd die Gläser schön zurecht gesetzt hat; wenn gegen Abend die Herren kommen, dass alles in Ordnung ist!“ —

Die kleine Anna verfügte sich in die unteren Räume.

Die schlaue Wirtin sprang auf und rieb sich vergnügt die Hände „Warte, Kob, du musst dran glauben! So wird's für dich und deine Mutter am besten. Kerl, du bringst sonst nichts zustand.“

Jakob Querengässer war vormittags in der Kirche gewesen. Er ging jetzt auch fleißiger dahin als sonst. Vielleicht auch wie andere Leute, weil der neue Pfarrer so schön predigte, — vielleicht, weil Fräulein Lisette frömmer geworden war. In letzterem Fall hätte er nun freilich erst nachmittags seinem Andachtsbedürfnis genügen müssen. Nun war er vormittags, sie nachmittags fromm gewesen. Kob hatte einen Fehlgang getan. Er war verstimmt. Und als er zur hinteren Türe hinaus den Wiesenpfad einschlug, trat ihm wieder die kühne Tat seines Freiermutes als eine bedauerliche Übereilung vor die Seele. — Feiner hätte er's anfangen sollen. Er wär mit der Tür ins Haus gefallen. So grübelte er sich immer tiefer hinein in das Duster seiner Verstimmung. „Und wenn ich die Woche über mich noch so freundlich zeige: die Lisette will mich nicht anlachen, wie's ein Freier eigentlich erwarten dürfte. Die Sache muss mit mehr Vorsicht betrieben werden, muss etwas mehr nach Bildung aussehen. — Die Blumensprache würde vielleicht dem Fräulein Lisette eher zusagen. — Der Herr Modelleur hat nicht ganz unrecht gehabt, als er da neulich sagte, der Bildermolle verstehe es besser wie wir. — Der Bildermolle! Hm! — Aber wie gesagt: er ist auch noch ledig. Sollte man's nicht weiter bringen als der? — Ein Mann wie ich! — Die Frau Wirtin hat auch nicht die schlechteste Meinung von mir. Und die ist durchaus nicht dumm. — Eigentlich künnt' die bei Fräulein Lisette viel für mich tun. — Wenn ich mich hinter sie steckte? — Ich muss Schritte tun in der Sache! Na, kommt Zeit, kommt Rat. Aber lange darf's nun nicht mehr so fortgehn!“ —

Kob war just an die Stelle im Wald gekommen, wo er verwichen seine Stadtschneiderhose ruiniert hatte. Er machte einen Bogen um den Kieferstock herum und griff mit der Linken ans Kinn. Etwas weiterhin stieß er auf den Bildermolle. — „Wo sind deine Orden und Ehrenzeichen, Molle?“

Bin heit in Zivil, Harr Quarengasser. Kumm vun Friedeboch, hob en Brief für d’n Harrn Poster besorgt. Im geistlichen Dingen derf m’r doch der verrückten Walt den Stuhl nicht ver die Ter setze. Do muss m’r hibsch zahm seie, als wär m’r aach geistlich.“ —

Molle, ich hätt’ auch was zu besorgen. Setz dich ein wenig; wolln einmal über meine Sache reden.“

Molle wollte sich auf einen Kieferstock setzen.

Nicht, Molle! Machst deine Hofe zu Schanden auf dem Harz.“

Hum Racht, Harr Quarengasser! Ho se heit zum erschten mol on, die Huse vun Kummerzienrot.“

Molle setzte sich auf einen moosigen Rand und der Herr Querengässer daneben.

Höre, Molle, ich hätt auch einen Weg für dich! Aber nur bei größter Verschwiegenheit kann ich dir die Sache anvertrauen. Es ist eine heikle Sache.“

Harr Quarengasser, wenns ke Schießpulver is! Dodrfer ho ich Respekt! Dodrmiet hun m’r emol die schlachten Studenten in Gane 'n schlachten Streech gspielt.“

Schießpulver! Molle, schießen sollst du nicht. Im Gegenteil: still, ganz still soll's hergehn. Schweigen musst du können!“

Das konn ich. Schweigen? Wohrhoft'g wie das Grob! Uff mich kunn'n Se sich in dan Punkt verlose su gut wie dr Harr Pforrer und su gut wie uff d’n Harrn Pforrer uff d’r Kanzel.“

Ist mir schon recht, Molle. — Du kennst doch die Wirtslisette. Hast verwichen gesagt, bei ihrem Anblick ging dir der Himmel auf.“

Hum ä guts Gemerks, Harr Quarengasser. Fräulein Lisette kenn’n m’r. Lenore fuhr ums Morgenrot! Schene! Schene! Ober ich war se Ihn’n schun nich wackschnoppe.“ Dabei grinste Molle verschmitzt, als hätte er einen guten Witz gemacht.

Also aufgepasst, Molle! Du kennst also die WirtsIisette. Ich werde nachher beim Gärtner in der Stadt einen feinen Strauß bestellen. Den holt du ab, wenn's dunkel ist. Sagst, du wärst von mir geschickt, aber nicht, wer den Strauß kriegen soll. Es müsste doch ein Geburtstag sein, kannst du sagen. — Den Strauß trägst du, ohne dass du dich damit von einem Menschen sehen lässt, ins Wirtshaus und lässt dir Fräulein Lisette herausrufen. Kannst ihn ja ein wenig unter deinen Rock stecken, bis sie kommt. Dann überreichst du ihn dem Fräulein und richtest ihr einen schönen Gruß von mir aus, und sie möchte ihn aufs Fensterbrett stellen in ihrer Schlafkammer. Daran wollt ich erkennen, ob er ihr angenehm sei. Du weißt doch, Molle, wie das alles gemeint ist? — Und wenn du deine Sache gut machst, werd’ ich dich gut bezahlen — nobel!“

Molle stand auf, zog die Augenbrauen in die Höh, verdrehte die Augen, dass man das Weiße — etwas ins Gelbe spielend — ein wenig sah und rief: „Harr Quarengasser, wars bejorge, rachtschoffen und versichtig wie e Bote aus 'n Paradies, — kunn’n sich drauf verlose! — Wenn Ihre Freierei gerät, Harr Quarengasser, soll mich's freie.“

Und dann kleide ich dich von Kopf bis zu Fuß, und du kommst mit zur Hochzeit — wenn auch nicht an den Herrentisch. Aber vom Besten bekommst du, so gut wie der Pfarrer und der Modelleur!“

Nuch merre werd sich Ihre Mutter freie. Bei dar stih ich su gut wie d'r Agapfel im G'sicht. Hot m’r schun viel Guts geton.“

Die Kontrahenten trennten sich. Kob schlug den Weg zum Gärtner ein, Molle den Weg zum Pfarrhaus. — —

 

Die Sonne war hinter der Heide verschwunden. Fast dieselbe Sonntagsgesellschaft saß wieder per se in der kleinen Wirtsstube wie damals, als sie dem Zauber des Singhumors verfallen war.

Wo wird denn heute der Herr Bachrauch stecken?“

Der Herr Rauchenbach wollten Sie wohl sagen, Herr Pastor“, bemerkte der Koatsmüller lächelnd.

Ja, ja! ’S ist wahr: macht mir zu schaffen, der ungewöhnliche Name.“

Ist mir vorhin begegnet, der Herr Modelleur; war auf dem Weg zur Stadt“, berichtete der Organist.

Und wie ich vom Garten aus bemerkt habe, ist die Frau Wirtin auch zur Stadt gegangen“, fügte etwas hämisch der Koatsmüller hinzu.

In dem Augenblick trat die Frau Wirtin ein. Sie war recht freundlich und wurde von ihren Gästen noch freundlicher begrüßt.

Die Damen machen sich recht rar bei uns. Fräulein Lisette hat sich auch noch nicht sehen lassen“, äußerte hüstelnd der Herr Pfarrer.

Die hat heut die Bedienung in der großen Stube“, bemerkte die Wirtin aufklärend. Und dann verzog sie sich nach oben.

Bald darauf trat der Herr Modelleur ein. Wie es schien, brachte er gute Laune mit, gerade wie einer, dem etwas recht Angenehmes widerfahren ist.

Diener, meine Herrn! Wie schaut's aus? — Woll'n wir wieder einmal eins singen?“

Jakob Querengässer fuhr mit der Linken ans Kinn und gab dem Liedermodelleur, den er noch im Magen hatte wegen der Jägerlieder, zu verstehen, ob er wohl das Brünnhildenlied gern einmal singen möchte?

Aber der Herr Rauchenbach schlug ausweichend ein Lied auf Fräulein Lisette vor. Und obgleich da der Herr Pfarrer einen roten Kopf bekam, rief der Schäker: „Los, meine Herrn! Alleweil fang ich an.

 

Lisette kam vom Paradies

Herab zu uns auf Erden,

Weil neidisch Eva sie verstieß

Mit grimmigen Gebärden.

Sei uns gegrüßt,

Lisette fein!

Dein Adam harrt

In Sehnsucht dein.“

 

Dabei guckte der Herr Modelleur den Herrn Pfarrer bedeutungsvoll an. Und der bekam wieder einen roten Kopf.

 

Lisette hin, Lisette her:

Dabei wird wohl es bleiben.

Uns geht’s im Freien nicht mehr quer:

Tun keinen Brief mehr schreiben.

Sei uns gegrüßt,

Wir möchten frein!

Du hast die Wahl

Von zwein und drein!

 

Jakob griff mit der linken Hand ans Kinn; denn er musste an seinen Brief an die Bürgerstochter im Laden denken. Der Modelleur hatte durch den Pfarrer davon gehört. Sonst sagte dem Kob aber das Lisettenlied sehr zu.

 

Lisette täte gerne frein

Den einen oder andern,

Mag Bauer oder Pastor sein

Aus Flensburg oder Flandern.

Sei uns gegrüßt,

Lisette fein!

Sag an, wann soll

Die Hochzeit sein?

 

Quod non!“, rief der Koatsmüller. „Das ist wieder so ein „raucher“ Modelleursvers. So hitzig wird's da wohl nicht gehn. Kenn Fräulein Lisette besser!“ —

Es war bereits dunkel geworden, — just die richtige Beleuchtung für Kobs Freiermut. Die Schleusen der Heiterkeit und des Humors waren gezogen. — Lisette hätte gerne einmal einen Blick hinein getan in die gut aufgelegte Gesellschaft. Aber den Mann, der ihr heute auf der Kanzel so gut gefallen hatte, mochte sie nicht zwischen dem Kob und dem Koatsmüller sitzen sehen, obgleich sie sich tiefinnerlich freute, wenn ihr Name einmal, von seiner Stimme getragen, aus dem Lied heraus ihr Ohr traf.

Eben wurde sie von dem Brauer, der im Herrenstübchen die Bedienung hatte, als er ein frisches Fässlein holen wollte, hinausgerufen, — es wolle sie jemand sprechen.

Molle trat auf sie zu und überreichte ihr einen prächtigen Blumenstrauß. „Schönes Fräulein, erschrecken Sie nicht! Ist nicht von mir. Viele Grüße von Herrn Jakob Querengässer, und den Strauß solln Sie in Ihrer Kammer aufs Fensterbrett stellen. Dadran wollt’ er erkennen, ob er Ihnen angenehm wär. Und recht verschwiegen sollten Sie sein, sat d’r Harr Quarengasser. Ich bin's auch — — wie's Grob. Und, sat er, wenn aus seiner Heirat wos werde, wullt’r mich von Kopf bis zu Fuß kleiden, und auf die Hochzeit sollt’ ich auch komm’n. — Ho heit aach schun en Wag fer 'n Harrn Pforrer gemocht, schönes Fräulein!“, fügte Molle mit einigem Stolz hinzu.

Fräulein Lisette wollte sich eben mit ihrem Strauß entfernen, wurde aber von der Plauderei betreffs des Weges für den Herrn Pfarrer plötzlich festgehalten. — Ob der Herr Pfarrer etwa auch in so einer Straußangelegenheit stecke? — Das musste sie doch erst wissen.

Hast du denn für den Herrn Pfarrer auch einen Strauß tragen müssen, Molle? Zu wem?“

Die Fragen folgten hastig aufeinander. Das Fräulein war in ängstlicher Spannung.

I, Gott bewohre!“, flüsterte Molle; „wor bluß e grußer Brief on d’n Friedebocher Harrn Poster! — Mit uns'n Harrn Pforrer werds wuhl nuch nich su weit seie, wie mit 'm Harrn Quarengasser.“

Hat denn unser Herr Pfarrer auch eine?“

Da legte Molle seinen rechten Zeigefinger an den Mund. „Konn nich dodrvun rede. Ober ich hob en Vugel hier pfeife.“

Wie hast du pfeifen hörn, Molle?“

Na, d’ Fra Wert’n is gu aach sehre schiene. Ober nix G’wisses weß m'r nich. Na, gute Nocht, schienes Freilein! Vürsichtig un verschwiegen! Sat d’r Harr Quarengasser. Gute Nocht!“

Lisette war schnell die Treppe hinauf. Eben öffnete sie die Tür zum Zimmer der schönen Witwe, die ihren Stadtanzug abgelegt hatte und als Iockere Erscheinung vor dem Spiegel stand, vielleicht wieder begriffen in der Musterung ihrer Reize. —

Denke dir nur, Anna! Eben hat mir der Bildermolle diesen Strauß von Herrn Jakob Querengässer gebracht. Was sagst du dazu? Ins Fenster meiner Schlafkammer soll ich ihn stelln; daran wollt’ er ersennen, ob er mir angenehm wäre.“ — Lisette lachte hell auf.

Die Sache wird schon werden, Lisette. Wart’s nur ab!“ —

Werden? Was soll werden, Anna? Was denkst du denn?“ —

Dass Kob eine Frau braucht und seine Mutter eine Schnur, das weißt du; und ich will ihm eine verschaffen. Auf eigene Faust bringt der eine Heirat nicht zustande.“

Aber Anna! Du willst mich verkuppeln — an den Kob? Durch den Bildermolle!! — Bist du denn verrückt geworden! — Da geh’ ich weiter, als mich die Beine tragen — gib acht! — Wirst's erleben!“ —

Und ärgerlich warf Lisette den Strauß ihrer Schwester vor die Füße.

Aber die hob ihn fein säuberlich auf und legte ihn behutsam auf den Tisch und sagte gedämpft: „Höre mich doch erst an, Lisette! Geh’ aber erst hin und sag’ der Anna, dass sie die Gäste in der großen Stube besorgt, du hättest ein wenig Abhaltung. — Komm aber gleich wieder!“

Husch war Lisette hinaus — in größter Aufregung.

Es wird immer besser! Alter verliebter Kob du! Aber du sollst dran glauben. Warte!“

Schon war Lisette wieder da. „Nun Anna, was hast du vor? Aus dieser Partie wird nichts, das sag ich dir!“

Und es muss doch was draus werden aus dieser Partie!“

Mit dem Kob? Im Leben nicht! Das sag ich dir.“

Freilich! Mit dem Kob!“

Morgen geh’ ich! Das lass ich mir nicht bieten. — Scheint beinah, als wär ich dir im Weg.“

Mit dem Kob! Allemal, — aber nicht mit dir, du närrisch Ding! Weiß ja lang, wo du hinaus willst, Lisette.“

Sage, was du willst, Anna! Sogar der Bildermolle will schon einen Vogel haben pfeifen hören: „Na, die Frau Wirtin is ja auch sehre schiene!“ Und da wär ich dir doch im Weg.“

Hab's gar nicht mit dir, hab's mit dem Kob!“

Du mit dem Kob? — Übergeschnappt! Rein übergeshnappt! Anna, für so dumm hätt ich dich im Leben nicht gehalten. Oder hältst du mich für so dumm, dass du glaubt, mir solch Zeug weiß machen zu können? Du lieber Gott! Du mit dem Kob!“ —

Ja, mit dem Kob hab ich's vor. Der Kob soll eine Frau bekommen. Aber die sollst du nicht werden, und ich auch nicht. Nun sei nur still und pass auf! Der Kob hat's auf dich abgesehen. Er ist verliebt wie ein Spatz, der alte Hasenfuß, und dabei eingebildet wie der Pfau auf der Miste. Verwichen ist er in der Dunkelheit auf die kleine Anna gestoßen im Hof. Da hat er ihr einen Antrag gestellt. Das tat er aber in dem Wahn, du seist es. Die Anna denkt aber heute noch, sie sei, sie leibhaftig sei gemeint gewesen. Wenn du nachher hinunterkommst, und es passt, so lach ihn nur ein wenig an. Wirst überhaupt das Lachen nicht erhalten können, wenn du ihn siehst. Es darf aber nicht aussehen, als lachtest du ihn aus. Du musst dich ein wenig verstellen! — Lisette, verderb mir meinen Spaß nicht! Wirst sehn, dass ich's fertig bring. Den Kob bringen wir schon zurecht, dass er schließlich auch mit der Anna zufrieden ist. Wolln ihm schon die Hölle heiß machen von wegen seiner Hofmacherei im Finstern und des Straußes wegen. Den habe er doch an die geschickt, die ihn glücklich machen könnt, wie er zur Anna gesagt hat.“

Lisette schlug die Hände zusammen und wollte sich vor Lachen ausschütten. „Nein, bist du schlecht, Anna!“

Nicht schlecht. Ich meins nur gut mit den beiden, mit Kob und der Anna. — Ein schönes Mädchen, die Anna! Gibt keiner von uns was naus. Nennen sie die kleine Anna, und ist wahrhaftig querfingerbreit größer als ich. Arme hat sie, um die sie jede beneiden kann. Und eine tüchtige Wirtschafterin ist sie. Sie ist ja närrisch auf den Kob, seitdem er sie an sich gedrückt hat. — Und der Kob wird am Ende froh sein, dass ich mich in der Weise seiner angenommen habe. Sollte er sich aber doch bockbeinig stellen, so will ich ihm zur rechten Zeit den Kopf schon zurecht richten. — — Geh nun hinunter, Lisette! Verkümmel mir den Kram mit dem Kob nicht!“

Lisette plumpste auf das Sofa und lachte ausgelassen. Dann wischte sie sich die Augen, machte eine Faust auf die große Anna und schlüpfte zur Türe hinaus.

Aber die schöne Frau Wirtin schnürte ihr Äußeres zurecht und trug den prächtigen Strauß in die Schlafkammer der kleinen Anna und stellte ihn auf das Fensterbrett.