Jakob Querengässer

XII. Alles in Richtigkeit.

 

Am Sonntag waren sie miteinander zum Abendmahl gegangen, Frau Querengässer und ihr Herr Sohn mit der kleinen Anna. Das waren die rechten Weihestunden für die Alte gewesen, aber auch für die Jungen. Jedes hatte einen Rosmarinstengel ins Gesangbuch geklemmt und die Anna sogar den Blitzring am Finger stecken. Und Jakob schielte mit Stolz hin nach dem Prachtstück.

Am Montag brannten abends 3 Talgkerzen in alten, aber blitzblanken silbernen Leuchtern auf dem weißgedeckten Auszugtisch bei Querengässers. Obenan saß Herr Jakob mit seiner Braut. Vor der lag ein schönes neues Gesangbuch, von dem das Lied aufgeschlagen war „Befiehl du deine Wege“, und über dem ersten Vers lagen die Verlobungsringe, — vor Jakob ein lebhaft geblumtes, schweres seidenes Halstuch mit einer Biberpelzmütze.

Obgleich diese Mütze zu einer kurzen schwarzen Manchesterhose und schwarzen Strümpfen in Schuhen mit silbernen Schnallen gehörte, die aber der statiöse Herr Querengässer gar nicht trug, so war man nach dem Willen der Mutter dennoch bei diesen altherkömmlichen Geschenken geblieben. „Behalt in Treu das Alte bei!“ war ein geläufiges Wort von ihr.

Sie saß neben der Braut und neben Jakob die Frau Wirtin, dazwischen der Herr Pfarrer. Fürwahr, ein trauliches Familienfest als zweiter Feiertag des Abendmahlsganges.

Obwohl der Herr Pfarrer manch schönes Wort sprach und der Frau Querengässer manch zartes Zährlein über die Wangen rollte und der Kob manchmal wie in anhänglicher Dankbarkeit zur Wirtin hinblickte, — der Knecht Michel auch aus dem aufgepflanzten Fässchen fleißig einschenkte, für die Feiergäste sowohl als auch für den andern Knecht und die Magd in der Küche, sowie für einige Taglöhner: zu einer Heiterkeit wollte es durchaus nicht kommen. Die Frau Querengässer war zu ernsthaft und konnte über ihr tiefinneres Glück durchaus nicht Herr werden. —

Es war aber doch schon nahe an Mitternacht, als der Herr Pfarrer sich empfahl und die Frau Wirtin endlich mit der kleinen Anna nachfolgte. — Und als der Michel den Spund aus dem leeren Fässlein schlug und es in den Hof stellte, meinte er: „Da hilft weder Zug noch Pflaster.“

 

Die Schwalben hatten sich längst aus der Heimat ihrer Familienzeugung verabschiedet, waren über Gebirg und Meer gereist in den Erdteil der Fliegen und Mücken zum Mauserschmaus und hatten auf der beschwerlichen und gefahrvollen Reife manche Tochter und manchen Sohn verloren, — ja manches Ehepaar war vom harten Schicksal zerrissen worden. Im Land der Restaurationen

saßen Witleute und Waisen, überhaupt trauernde Familientrümmer im Oleandergebüsch der Ufer und putzten und besserten am Reiseröcklein. Auch glückliche Ehepaare gab es noch, die aus ihrer Familie nur wenig Verluft zu beklagen hatten. Aber stumm waren sie alle in der sehnsuchtsvollen Erwartung jener herrlichen Zeit, da sie wieder zurückkehren könnten zu Hof und Haus der deutschen Bauern, um in erwachender Liebe und Hingebung zu bauen und zu zeugen.

Heut war eine ähnliche Sehnsucht — wenn auch zum ersten Mal — über den Herrn Jakob Querengässer gekommen — nicht mit Trauer und Trübsinn, aber auch nicht mit Ungeduld. Er kam vom langen Berg her. Die Ietzten Lerchen, die die Zugzeit beinahe verschlafen hatten, durchirrten die Felder, und Finken und Meisen scharten sich bereits an den Waldrändern mit ermunternden Lockrufen.

Die Sonne war eben über den Horizont hinabgesunken und warf in der Abendröte einen weihevollen Gruß herüber, als Kob oben bei den einsamen Bäumen ankam.

So grob und „ungeschlacht“ der Kob manchem vorkommen mochte; er war mit der Natur verwachsen wie das Blatt am Baum. Und wenn er draußen in der Einsamkeit war, da kam zuweilen eine Stimmung in ihm zur Herrschaft, die sich stark zur Wehmut neigte. Dann schärften sich die Sinne des Mannes und seine Seelenvermögen, als wüchsen alle Geheimnisse der Natur in ihn hinein zur Entfaltung. Dann erlebte er Dinge, die es für gewöhnliche Menschen gar nicht gibt. Die Stellen unter dem Himmelszelt, wo so ein Naturmensch gleichsam hellsichtig für Wunder wird, bleiben Brennpunkte für die Erinnerung und werden zu Lieblingsplätzchen, nach denen es unbewusst den Ergriffenen hinzieht zum Träumen und Schauen.

Da sitzt unser Träumer, der Herr Jakob Querengässer, in den Abendschleier des Berges gehüllt, und lugt nach dem legten Schimmer des Abendrotes.

 

Nun hat Verspruch

Dich fest genug

An die gekettet,

Die dich liebt.

Bald zugebettet

Liegst du ihr

In Lustpläsir,

Bis sie dir gibt

Die zarte Frucht,

Die ihr gesucht. —

Ist’s recht gediehn —

Mag Glück dir blühn:

Es weckt mir nicht den Neid

Die anverlobte Maid.

Mein Spruch bleibt wahr

Auf immerdar:

Dem Freudendrang

Folgt Mutterzwang:

Die zarte Frucht

Birgt schon den Wurm;

Wo Ruh ihr sucht,

Packt euch der Sturm. —

Im Tod ist Ruh!"

 

Verjüngung ist

Ein ewger Trug,

Den Frauenlist

Ins Leben schlug.

Uns bleibt er fern,

Der falsche Schein, —

Uns glänzet Stern an Stern

In Gold und Edelstein.

Das ist der Dauer Kern.

 

So sang am Eingang der Höhle der frauenfeindliche Zwerg mit näselnder, zittriger Stimme. — Aber plötzlich erhellte sich der Hintergrund, und in sonnigem Glanz stand Frau Hulda und begann ihr Lied. Der braunkuttige Zwerg verneigte sich und verschwand hinter dem reichhaltigen Gewand der hohen Frau.

Mit ergreifender Altstimme sang sie:

 

Goldschürfender Knecht,

Wie verstehst du schlecht

Das Leben im Sonnenlicht,

 

Wo Frauen blühn und gedeihen

Und edlen Helden sich weihen! —

Das verstehen die Lichtscheuen nicht.

 

Wo Seelen aus Augen glänzen

Und Mann und Weib sich ergänzen

Zum herrlichsten Lebensgedicht, —

 

Wo Leben sprießt aus dem Tode,

Wo walten der Liebe Gebote:

Das verstehen die Lichtscheuen nicht.

 

Wo die Häupter ragen gen Himmel,

Hoch über irdisches Gewimmel, —

Wo Leidenden Trost man spricht, —

 

Wo waltet Vertrauen und Treue

Und keimt aus Ruinen das Neue:

Das verstehen die Lichtscheuen nicht.

 

Und nun war auch die Hellglänzende weg. —

Jakob sah ins leere Dunkel. Hatte er Wirklichkeit geschaut? Hatte er geträumt? — Er hatte sich selbst verloren. — Ein Uhu umkreiste ihm zweimal das Haupt, dass von seinem heimlichen Flügelschlag dem Abwesenden sich das Haar bewegte. Das brachte ihn wieder zu sich selbst.

Als er daheim ankam, fand er seine Braut neben der Mutter sitzen. Anna kam ihm freundlich entgegen. Sie sah ihn aber verwundert an wegen seines blassen Aussehens. — Kob erzählte, wie er oben vor der Höhle gesessen, zum Abendrot hinüber gesehen und ein wenig in Dusel geraten sei. Aber was er da gesehen und gehört habe, das sei zu schön gewesen. Soviel wisse er nur noch, dass einem Bräutigam es vergönnt sei, manchmal ein wenig in eine andere, schöne Welt zu gucken. Denn so wäre es ihm alleweil beim Anblick des Abendrotes droben am Berg passiert. Er freue sich aber, dass er nun seine liebe gute Anna wieder leibhaftig vor sich sehe. — Dabei klatschte er in die Hände und gab ihr einen derben Kuss.

Sowas hatte Frau Querengässer vom Kob noch nicht gejehen. Sie stand verwundert da und bekam schöne rote Bäcklein, und in ihren Augen stand ein wenig Wasser. Und sie trat an die kleine Anna hinan und strich ihr das frische Gesicht und sagte: „Hab halt mei große Freud an Euch. Wenn nur nix Ungrads dreinkommt!“

Auf ein leises Pochen folgte ein forsches „Herein“ des Herrn Jakob Querengässer. — Die Wirtin trat ein und wurde von Frau Querengässer herzlich bewillkommt.

Frau Nachbarin, ’s wird alles rebellisch daherum! Hab alleweil gehört von der kleinen Anna, dass Sie sich auch verlobt haben, und bring meinen Glückwunsch!" — Und sie machte ein Knickslein und fasste mit zwei Händen die Rechte der Frau Wirtin und schüttelte und streichelte sie. Die bekam ein rotes Gesicht, als ob sie sich ein wenig schäme. „Komm deswegen zu Euch, Frau Nachbarin. — Es ging ein bisschen heimlich her. Aber es ist nun nichts mehr zu verheimlichen. Der Herr Rauchenbach hat schon alles bestellt“. — „Rachenbauch würde der Herr Pfarrer sagen“, — lachte Kob dazwischen. —

Sei du ruhig, Kob! Du hast's faustdick hinter den Ohren. — Willst mir die kleine Anna entführen, Du Erzscharmierer!“

Kob klatschte lachend in die Hände und gab seiner Braut noch einen Kuss. — Die Frau Querengässer wusste nicht, was sie denken sollte. Der Kob kam ihr recht „komisch“ vor. Sowas hatte sie noch nicht von ihm gesehn. — „Wenn nur nix Ungrads dreinkommt! Ein wenig Gottesfurcht wär wohl gut dabei!“ —

Da kommt Ihr schlecht an, Frau Nachbarin! Mit Sträußen und teuren Ringen hat er der kleinen Anna zugesetzt, bis sie sich in ihn verliebt hat.“

Kanaille!“, rief Kob und zupfte die Wirtin am Ohr.

Da rief die Frau Querengässer ernsthaft: „Na, Kob, was recht ist! Sötte Ausgelassenheit steht dir nich!" —

Aber Tante! Es war halt doch schön, wie du mir den schönen Strauß überreicht hast. Und den Blitzring — — na, den hast du mir nich recht gegönnt. Und mir ist er ein heiliges Andenken!“ —

Steck ihn nur bei meiner Hochzeit nicht an, Anna! Sonst müsst ich mich wahrlich schämen. Über solche Pretiosen verfüg ich nicht.“

Prahlen ist nich meine Sache! Das weißt du, Tante. Und du brauchst gar nich solchen Blitzring. Dein Bräutigam hat Blitzaugen. Bei dem kann ja Feuer auskommen. Da ist mir mein Kob lieber. Der flucht auch nich mehr und lässt das Donnerwetter mit seinen Blitzen ungeschoren. Das hat ihm seine Mutter abgewöhnt. Und darüber freu ich mich gar arg sehr!" —

Da streichelte Frau Querengässer ihrer künftigen Schnur das Gesicht und sagte: „Der Kob ist ein beerguter Kerl, und wenn du seine Frau bist, so wird er noch viel besser.“

Die Wirtin steckte das lustigste Gesicht heraus und nahm in großer Aufgeräumtheit etwas breitspurig Platz auf dem Kanapee. „Bald hätt’ ich nun doch die Hauptsache vergessen, — die Einladung zu meiner Hochzeit. Die soll in acht Tagen sein drüben bei mir im Wirtshaus. Am Dienstag vormittags um 11 Uhr ist die Trauung. Und bei der müsst ihr alle sein, die kleine Anna mit ihrem frommen Bräutigam und ihrer künftigen Schwieger. Und der Bräutigam der Lisette kopuliert uns. So will's auch der Herr Rauchenbach haben.“ —

Der „Herr Bachrauch!“ würde der Herr Pastor sagen. Und Kob stellte sich vor der Tante etwas gespreizt hin und schlug einen hochtrabenden Ton an: „Aus der Finsternis sind wir endlich ins Licht geraten. Aber das haben wir doch nur dir zu verdanken. Du hast mich an der Nase herumgeführt, bis du mich richtig im Garn hattest und endlich auf dem Weg, wo ich ein braves, reines Mädchenherz im schönsten Sonnenlicht auf dem Berg an mich drücken konnte. Und es war eine ganz andere. Und die unliebsame Verwechselung war dabei die Hauptsache! — Und wenn meine Mutter sagt:

 

Der Eine

Steht allem für;

Der gibt auch dir

Das deine, —

 

so hat sie wohl recht bis auf die Eine, die Tante, die Kanaille! So nenn’ ich dich alleweile aber im Guten, weil ich großen Respekt vor dir bekommen habe.“ —

Und als nun Kob die Tante ein wenig an sich drücken wollte, riss ihn die Mutter in großer Entrüstung weg und rief: „Kob, lass den Koller!“ —

Das verstand bloß Kob. Und er gab seiner Mutter die Hand und sprach: „Das will ich. — Gott sei Dank! Nun ist alles in Richtigkeit. Und ich hab's zu Stand gebracht. Dabei hab ich Not und Angst genug ausgestanden. Wer's nicht weiß, kann sich's vom Herrn Pfarrer und von der Frau Tante erzählen Iassen.“

Wir erzähln nichts. Aber wann soll denn deine Hochzeit sein, Kob?“

Darüber musst du mit meiner Mutter sprechen. In der Sache hat sie das Heft in Händen. Wir werden doch wohl warten müssen, bis Euer Hochzeitskatzenjammer wieder heraus ist.“

Meine Hochzeit gibt keinen Katzenjammer. Da soll's sehr einfach hergehen. Aber mein Herr Bräutigam tut's nich anders: alle, die die Iustigen Singabende im Wirtshaus mitgemacht haben, müssen sich einstellen: der Koatsmüller, der Stadtorganist und auch der Bildermolle. Den hat der Herr Rauchenbach ausdrücklich mit genannt.

Der 'Herr Bauchrachen!' würde der Herr Pfarrer sagen! — Zu meiner Hochzeit habe ich dem Molle einen neuen Anzug versprochen. Den lade ich auch ein. Der hat mir wichtige Dinge besorgt. Er war wahrhaftig so geschäftig in meiner Geschichte wie meine Tante.“ —

Zur Hochzeit der Frau Wirtin erschien Molle in jenem grotesken Staat nach dem Wunsch des Bräutigams. Es mussten auch von den bekannten Liedern die beliebtesten gesungen werden. Der Frau Querengässer machten sie großes Vergnügen. Aber zum Mitsingen war sie nicht zu bewegen.

Vier Wochen darnach wurde Herr Jakob Querengässer getraut. Zu dieser Hochzeit erschien Molle wirklich in einem neuen Anzug vom Herrn Kob. Da musste auf den Wunsch des Bräutigams der Stadtorganist auch die Geschichte von der Orgelkatz erzählen.

Dem Kob blieben auch die Jägerlieder nicht erspart.

Nachdem endlich der Herr Pfarrer seine beiden ältlichen Gesellen unter das Kopulationskreuz gebracht hatte, kam er selbst an die Reihe. Zum Priester für seine Trauung wurde der Pfarrer von Friedebach bestellt. — Da hatte Molle wieder einen großen Brief zu tragen. —

Unsere drei Heiratshelden hatten sich eines kräftigen Nachwuchses zu erfreuen. —

Herr Rauchenbach war Wirt geworden. —

Die erste Kindtaufe war im Querengässers Haus, wo es so fröhlich herging wie auf einer Hochzeit. Auch dabei hatte die Alte das Heft in Händen.