Martin Bötzinger. Ein Lebens- und Zeitbild aus dem 17. Jahrhundert

 

Neuntes Kapitel

Am Pfingstheiligabend

(1624)

 

Mein Schatz der ist im Krieg;

Ich spinn und bleib ihm gut!

 

Mein Schatz!“ – Mit diesen Worten war das rote Mündlein stille geworden. Ein Traum hatte die blauen Äuglein zugedrückt. Das war vor acht Jahren gewesen.

Auf dem Dach des Ratsherrn Michael Böhm in Heldburg hatte sich der Storch nicht wieder sehen lassen. Seine Ehewirtin hatte ihre jungen Gänse heuer der Nandel des nebenanwohnenden Baders anvertraut. Auf dem Gänserasen regierte eine neue Generation. Der Wehnersklaus und der Bauerskunz exerzierten auf dem Rasen zu Koburg, und auch der Geigerslurz war wieder „eingezogen“ worden. Die Königin Ursel hatte nach ihrer Konfirmation den Gänserasen nicht wieder betreten.

Sie stand ihrer Mutter in der Hauswirtschaft bei, strickte, nähte und spann. – Sie hatte das sonnenscheinige fremde Herrlein, von dem sie einstmals auf dem Stahlbogenschießen zu Koburg aus dem Pritschjungentumult getragen worden war, und das in ihren Liedern jedesmal bei dem Wort „mein Schatz“ aus den Wolken herausfiel und sich ganz reputierlich präsentierte, auch als Jungfrau nie vergessen. Und auch als Jungfrau sang sie das Kindertanzliedchen „Altweibersommer flieg“ noch gern. Aber zu den Spielliedern war in den Jungfrauenjahren manch ernstes Lied gekommen. Ein unbestimmtes Sehnen sprach aus ihrem Antlitz. Ihr ganzes Wesen war ungewöhnlicher Art. Wegen ihrer Schönheit wurde sie von den Heldburger Mädchen beneidet, aber nicht begehrt von den Burschen; denn durch den Zauber ihrer jungfräulichen Vornehmheit blieben vor ihr die niedrigen Naturen in Schranken gehalten. Und doch konnte der Böhmsursel niemand wehe tun: ihrer kindlichen Herzensgüte konnte sich niemand verschließen.

Heute vormittag war ein „statiöser“ junger Bursche an ihrem Fenster vorübergegangen; das mußte das sonnenscheinige Herrlein von ehedem gewesen sein. Ursula war in eine Aufregung geraten, daß sie das Hemd, woran sie genäht hatte, hatte fallen lassen und dann im Hause herumwirtschaftete, als ob für die nächste Stunde großer Besuch angemeldet worden sei.

Die Sonne war wunderschön untergegangen, und als alles im Hause aufs beste bestellt war, sagte die Mutter: „Urschel, leg dich heut bald nieder; morgen muß ich dich bald wecken, hat mir der Vater anbefohlen, ehe er vorhin auf den Ratskeller gegangen ist. Es ist nach Römhild schon ein hübscher Marsch, und den Maimorgen will er genießen, hat er gesagt. Es würd dir auch mehr Freud machen, wenn ihr bald gingt, hat er gemeint. Aber vergiß mir net, Urschel, nachhauswärts bei der Lindenelse einzukehrn! Fragst sie wegen der Sau, weil sie net frißt; fragst sie wegen Beschrein, was sie meint, daß zu machen wär!“

Es war am Freitag vor Pfingsten. Ursel war in ihr Giebelstübchen gegangen, um sich zu Bett zu legen; aber es ging ihr im Kopf herum wie ein Mühlrad. Nachdem sie sich entkleidet hatte, ging sie ans Fenster und roch an jedem ihrer Blumenstöcke, als wollte sie für die bevorstehende Reise Abschied nehmen. Sie verkroch sich nicht so weit unter die Bettdecke wie vor acht Jahren. Aber nach manchem ernsten Lied summte sie doch wieder: „Mein Schatz der ist im Krieg.“ Und mit dem „Schatz“ schlief sie wieder ein wie vor acht Jahren.

Als der Morgen anbrach, sagte der große Rosmarin am Fenster zu den Gelbveigelein, Marumverums und Geranien: „Macht euch recht breit und dicht, daß die neugierigen Spatzen unsre gute, schöne Ursel nicht sehn!“ Aber Ursel, die sich auf die alte Blumensprache verstand, wurde darüber munter, zog ihre Bettdecke bis an das Kinn und sang leise:
 

Ist ein Mägdlein jung und fein

Auf den Hollerbusch gestiegen,

Kommen viele Engelein,

Daß sich alle Zweiglein biegen:

Und es weint das holde Kind,

Durch die Blätter bläst der Wind.

 

Ist ein Mägdlein jung und fein

In den Dornenbusch gefallen,

Und es fliegen aus und ein

Singend traute Nachtigallen:

Und es weint das wunde Kind.

Durch die Blätter bläst der Wind.

 

Ist ein König jung und fein

Bei dem Mägdlein eingekehret,

Küßt es auf sein Mündlein klein,

Ob sichs sträubt und ob sichs wehret:

Und es weint das wunde Kind.

Durch die Blätter bläst der Wind.

 

Urschel, steh auf! Das Warmbier ist fertig!“, rief die Mutter zur Tür hinein.

Ursel sprang frisch und freudig aus dem Bett. „Heut gehts nach Römhild. Ei, den Mai, den lob ich mir!“

Macht euch breit und dicht“, sagte der Rosmarin zu seinen Kameraden, der Käferritter schielt durchs Fenster!“ Der Spatz, der auch die Blumensprache verstand, flog davon, als Ursel an ihre Blumenstöcke roch, und schimpfte: „Als obs nicht auch unsre Ursel wär! Sorgt sie im Winter nicht für uns, als wären wir ihre Kinder?“

Du Schelm!“, rief Ursel dem Spatz nach, ordnete ihr langes goldiges Haar, das den vollen Nacken und die runden Arme umwallte, zog ein Paar blütenweiße Strümpfe an, schnürte die Schuhe und machte sich so weit fertig, daß sie zum Morgensegen hinunter in die Stube gehen konnte. Der Ratsherr Michael Böhm saß schon am Tisch und hatte das Gebet aufgeschlagen: „So jemand reisen will“, als Ursel eintrat. Nachdem auch die Mutter, Knecht und Magd erschienen waren, begann die Andacht. Friede und Freude im heiligen Geist erfüllte die treuen Seelen.

Der Hausherr brachte nach beendigtem Gebet sein heiliges Buch an seinen Ort, und die Ehewirtin trug das Warmbier auf. Alle ließen sich den dampfenden, würzigen Trank vortrefflich munden. „Zacher“, sagte der Ratsherr zu seinem Knecht, „der Sattelgaul muß ein Eisen kriegen.“ – „Wird besorgt, Herr! Hätt Euch gern ein Stück gefahrn.“ – „Wer durch den Mai fährt, acht ihn net, Zacher! Und du, Lise, die Kälber gut besorgt! Habt morgens des Abends acht!“

Ursel erhob sich zuerst vom Tisch, steckte ihr Haar vor dem Spiegel und vollendete ihren fast reichen Anzug. Die Mutter wischte sich die Hände an der Schürze und zupfte und richtete mit Behagen an der Tochter herum. Der Vater stand reisefertig mit silberbeschlagnem spanischen Rohr mitten in der Stube und murmelte: „Der Spiegel ist der Weiber Ratgeber. So, nun bhüt euch Gott!“ Er reichte seiner Ehewirtin, dann dem Zacher und der Lise die Hand zum Abschied. Ursel tat desgleichen und schritt zuerst durch die Tür. Als Herr Michael Böhm ihr nachfolgte, sagte er vor sich hin: „Aus Kindern werden auch Leut.“

Wills meinen, Alter!“, sagte die Mutter und stieß vor Freude ihren Eheherrn ein paarmal mit dem Ellenbogen an die Hüfte. „Grüßt die Gevatterleut und das Patchen vielmals! Urschel, nimm den Bündel in acht, daß du die Pfannkuchen net zerdrückst!“, rief die Mutter in der Haustür den Scheidenden nach: ihr glänzendes Auge hing bald an der Tochter, bald an dem ratsherrlichen Ehewirt. Hinter ihr standen Zacher und Lise. Als die Mutter in die Hausflur zurücktrat, warfen auch die treuen Dienstboten ihren verreisenden Herrschaften noch einen Blick nach. Im Stall aber sagte nachher Zacher zur Lise: „Kein stolzer Tier auf Erden, denn ein Pferd und ein Weib!“

Im offnen Bodenfenster saß die rotkehlige Schwalbe, die vor mehr als zehn Jahren im Stall des Ratsherrn Michael Böhm das Licht der Welt erblickt hatte und jedes Jahr in Treue zu diesem Haus zurückgekehrt war, und sang lustig:

 

Vetter Michel, ei!

Euer Mai ist quitt.

Freit die Ursel nit?

Ist der Mai vorbei,

Sing ich nit mehr!

 

Just, als hätt ers verstanden, sagte Herr Michael Böhm, mit einem Blick auf sein stolzes, wie eine Braut vor ihm hinschreitendes Kind für sich: „Gottes Will hat kein warum.“

Ursels Gedanken hingen der Erscheinung nach, durch die sie am Tage vorher so erschreckt worden war. Ob er es war? Aber er ist so groß und stattlich geworden. Wo wird er hingegangen sein? Wo wird er heute nacht geschlafen haben?

Sie hatte ihren Vater völlig vergessen und war in einen raschen Gang geraten, sodaß der Ratsherr rief: „Horch nur einmal, Urschel, wie die Hähne mit einander wetteifern in der Verkündigung des Morgens! Am frühen Morgen ist alles frisch und fröhlich wie im Paradies.“

Ursel war einen Augenblick stehen geblieben und ging nun ihrem Vater zur Seite. Dieser teilte seiner Tochter mit, gestern sei auf dem Rathaus davon die Rede gewesen, daß auch der Herr Cremer auf der Feste, der Schreiber des Schössers, zu den Pfingstfeiertagen nach Römhild, seiner Vaterstadt, auf Besuch gehen werde.

Ihr erfahrt in der Trinkstube doch immer neues“, meinte Ursula und setzte hinzu: „Ist in unsrer Stadt oder auf der Feste denn auch Besuch angekommen?“

Weiß net; aber der Bürgermeister hat erzählt, vor etlichen Wochen wär einer von den beiden Studenten, die ich vor acht Jahren bei ihm gesucht hätt, auf der Burg als Informator beim Schösser angezogen.“

Ursel geriet wieder in raschern Schritt und blickte unwillkürlich zur Festung hinauf. Die tauigen Wiesen funkelten im Sonnenstrahl; die Lerchen jubilierten; vom Festungsberg herunter schallte der Gesang der Amseln, und auf der andern Seite, nicht weit vom Wege, orgelte auf einer alten Eiche ein Pfingstvogel, und in der Brust der Jungfer Ursel erhob sich ein unbändiger Jubel: „Er ists! Er wohnt nun nah!“ Und sie mußte ihre Lippen fest zusammenpressen, daß der Jubel nicht laut hervorbreche.

Urschel, du kommst schon wieder ins Laufen!"

Wenn ich jetzt allein wär, Vater, säng ich hell auf, so schön ist der Mai!“

Hast recht; im Haushalt Gottes ists ne Lust, wos keinen Krieg und keine Spitzbubn gibt.“

Sprich net vom Krieg! Bei uns ist keiner.“

Aber er kann noch kommen, Kind. Und Spitzbubn sind schon da. Auf dem Straufhain soll eine Bande hausen, wurde gestern auf dem Rathaus erzählt. Der Bürgermeister will heut nach Koburg und auswirken, daß gestreift wird.“

Wo ist denn des Schössers Informator her?“

Von Mupperg soll er sein.“

Das muß ein lieblich Nest sein, wo der Knabe geboren ist, nach dem die Ursel zehn Jahre lang ausgeschaut hat, von dem sie zehn Jahre lang gesungen und geträumt hat. Er ist schöner und vollkommner geworden, je höher das Sehnen gestiegen ist – dieser keuschen Jungfrau, die noch unberührt geblieben von Falschheit, Täuschung, Schmutz. Nun ist er ein stattlicher Jüngling und wohnt nahe.

Aber er ist verwundet, zerrissen in seines Herzens Tiefen. Das langwimperige Geschlecht hat sich mit Widerhaken in sein Herz gesenkt, und der Wahn hat es heraus gerissen und sein Herz zerfleischt.

Und so ist das Glück der Zukunft, das für die sehnende Ursula in diesem Jüngling ruhen soll, ein Wahn?

 

Der Ratsherr Valtin Hübner in Römhild pfiff Trompetenfanfaren, die ihm vom Koburger Stahlbogenschießen her noch im Kopfe staken, und trommelte dazu an der Fensterscheibe. Nach eingenommnem Mittagsmahl war das so seine Gewohnheit.

Der Schneider, der gegenüber vor seinem Fenster saß, und dem niemand ein neues Kamisol zu machen anvertraute, der aber das Wort auf den Lippen trug: „Wers kann, dem kommts“, wenn er was auszubessern bekam – der stolze Flickschneider ärgerte sich über die Trompetenstücklein und über das Trommeln des lustigen Ratsherrn und sagte gar oft: „Auf einem vollen Bauch steht ein fröhlichs Haupt, oder: Wenn die Sackpfeifen nit voll is, so kirrt sie nit.“ Am Pfingstheiligabend des Jahres 1624 wollte er wieder sagen: „Wenn die Sackpfeifen“ – aber das Wort blieb ihm im Halse stecken, und er riß das Fenster auf und steckte den Kopf hinaus.

Und dem Ratsherrn Valtin Hübner versagte auf einmal auch sein Mundstück, und er verschwand von dem Fenster.

Die stolze Ursula Böhm kam mit ihrem Vater die Straße her. Der Heldburger Ratsherr fädelte des Römhilder Ratsherrn Treppe ein, und seine schöne Tochter stieg nach. In der Haustür stand Herr Hübner und bewillkommte seinen Besuch auf das herzlichste. „Die Jungfer Tochter! Herr Gevatter, ein fein Mägdlein! Gottssakerment! Ist brav von Euch, daß Ihr endlich einmal kommt! Die Jungfer Tochter war noch nit bei uns. Gott segn Euern Eingang! Und Eure Alte, Gevatter, hat auch immer gedacht: Eine Frau soll der Schnecken Art habn! Die läßt nit vom Haus.“

Als sie in die Stube eingetreten waren, setzte Ursula ihren Bündel mit den Pfannkuchen auf die Bank; dann nahm sie mit ihrem Vater auf den vom Gevatter zurecht gerückten Stühlen am Tische Platz. Der Herr Hübner freilich brachte es nicht zum Sitzen.

Wo ist unser Pate?“, fragte Herr Böhm.

Ist mit dem Knecht ins Holz, wolln Maien holn. Gevatter, wenn Pfingsten nit wär, müßts der Stadtrat noch anordnen. Pfingsten lacht die Welt. – Aber nun können daheim die Bursche der Urschel keine Maien setzen. Die werden sich ärgern! Nun, in Römhild gibt’s auch Bursche. Der Schneider drübn ist nunmehr fort und verkündigts, was ich für Besuch bekommen hab.“

Und wo steckt denn die Frau Gevatterin?“

Ist zum Metzger und holt nen Pfingstbraten. Wenn sie grad auf die Hommelschristel oder die Frau Lautensackin stößt, kommt sie so bald nit. Ich muß nur was holn.“

Der Ratsherr Hübner eilte davon. Bald brachte er Brot, Schinken, Butter und Käse und nötigte zuzulangen. „Zum Bier kann ich nit kommn; ich merk, daß meine Alte den Kellerschlüssel eingesteckt hat. Aber ich will Euch was holn, das ist ein Wundertränklein.“

Der geschäftige Ratsherr brachte ein Fläschchen und ein kleines grünes Gläschen und setzte beides auf den Tisch. Mit wichtiger Gebärde demonstrierte er: „Das ist Arzenei, die für den Gesunden noch dienlicher ist als für den Kranken; wer müd ist und in der Hitze gelaufen, dem tut zum Brot ein Schlückchen davon fast Wunder. Man sollts nit meinen. Habs von Würzburg mitbracht aus der Apotheken. So was habt Ihr gewiß noch nit gspürt.“ Er goß das Gläschen voll des gepriesenen Saftes.

Das riecht ja wie Katzenfressen, Rosmarin und Muskatblättlein, Herr Vetter!“, sagte Ursel.

Habt eine feine Nase, brauchs Euch nit auf den Ärmel zu maln. Na, nun kostets einmal!“

Herr Michael Böhm versuchte das Wundertränklein. Es trat ihm das Wasser in die Augen und er rief: „Herr Gevatter, das ist aus des Teufels Küchen! Hwrwrwr!“

Ursel rückte mit ihrem Stuhl unwillkürlich zurück. Aber der erfahrne Herr Hübner lachte, als wär ihm ein Dukaten in die Tasche gefallen, und begütigte: „Gevatter Böhm, 's ist was Guts; und 's war nur der erste Schrecken. Wie wirds Euch jetzt?“

'S iſt, als ging mirs warm durch die Knochen; könnt Recht habn, Gevatter! Versuchs auch, Urschel!“

Habs schon gerochen, daß es net zu gefährlich ist“, entgegnete Ursel und nahm auch ein Schlückchen. Sie bekam allerdings einen kleinen Husten, stimmte aber bald herzlich in das Lachen der Männer ein.

Weils so warm durch die Knochen läuft, nennen sies Branntwein.“

Unser Herr Superdent hat mir schon davon erzählt“, sagte der Heldburger Ratsherr und nahm noch ein Schlückchen.

Da trat die Frau Hübner ein; und nun war ein neues herzliches Begrüßen. „Hast net einmal Bier aufgetragen, Valtin!“

Weil du den Kellerschlüssel in der Tasche hast, Alte!“ Bald stand eine blanke Zinnkanne mit Bier auf dem Tische, und nun war der Herrlichkeit und dem Vergnügen zwischen den Gevatterleuten kein Spänlein mehr im Wege. Als später der kleine Pate Michel noch dazu kam, empfing die Freude einen neuen Sporn. Der Tag ward mit einem gemächlichen Flurgang beschlossen.

Am Morgen reichte die Decke nicht bis an das Kinn des schönen Heldburger Kindes in dem Römhilder Bett; aber die Spatzen wichen den Fenstern seines Kämmerleins aus, denn es standen zwei mächtige Birken davor zu Ehren des stolzen Besuchs.

Sollte die Sache wirklich von dem Schneiderlein eingefädelt worden sein?